Zur Zeit lese und höre ich sehr häufig, dass die deutsche Wirtschaft die digitale Transformation verschlafe, Start-ups zu wenig fördere und so den Anschluss an die Entwicklung verpasse. Gerne wird der sprichwörtliche Geschäftsführer ohne eigenes E-Mail Konto zitiert, der seiner Sekretärin auch im Jahr 2017 noch Briefe diktiert. So wird das hohe Lied des Untergangs angestimmt, auf dass man sich unverzüglich mit der Digitalisierung beschäftige. Dementsprechend groß ist derzeit auch die Hysterie im Umgang mit digitalen Strategien. Schnell wird ein CDO bestellt, ein disruptives Beiboot in Berlin zu Wasser gelassen und schon fühlt man sich für die Zukunft gerüstet.

Mangelnde Veränderungsbereitschaft

Doch was ist es eigentlich, das uns im produktiven Umgang mit der digitalen Transformation fehlt? Es sind nicht radikale Innovationen, es ist nicht eine florierende Start-up Szene, es ist nicht mangelnde Technik-Affinität unserer Geschäftsführer und Vorstände. Des Pudels Kern ist vielmehr eine menschlich-allzumenschliche Eigenschaft: mangelnde Veränderungsbereitschaft!

Wer kennt das nicht? Als ich im Jahr 1995 meine erste Internet-Verbindung installierte, mit pfeifendem Modem und Verbindung zum Universitäts-Rechenzentrum, fühlte ich mich wie der erste Mensch auf dem Mond. Und bis die E-Mail für mich zum alltäglichen und gleichwertigen Kommunikationsmittel wurde, sollte noch etliche Zeit vergehen. Dabei war ich früh dran mit der neuen Technologie. Und obwohl ich mich für einen offenen Menschen halte, kann ich auch heute so mancher Innovation nur herzlich wenig abgewinnen, selbst mit größtem Wohlwollen. Dem Thermomix zum Beispiel: Weit über 1000 Euro für einen Kochtopf? Der einem dann auch noch die entspannende Kreativität des Kochens abnimmt? Wo liegt da bitte schön der Mehrwert?

Der Mensch das Gewohnheitstier

Zur Erklärung meiner eigenen Denkweise fällt mir dann bestenfalls ein: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ Oder „Never change a running system.“ Dann klingeln bereits sämtliche inneren Alarmglocken. Wenn ich mich selbst mal wieder in der Rolle des Gewohnheitstieres erwische, pfeife ich mich zurück. Denn ich möchte um’s Verrecken nicht mit Mitte 40 gestorben sein, um dann irgendwann mit 70 oder 80 begraben zu werden! Ja, ich zwinge mich umzudenken.

Das kann furchtbar unbequem, anstrengend oder gar aufwühlend werden. Denn eine Veränderung im eigenen Denken hat manchmal ungeahnte Konsequenzen. Nehmen wir zum Beispiel unser privates Umfeld. Unser neues Denken führt zu einem neuen Handeln. Das trifft im privaten Bereich auf dieselben Menschen wie zuvor. Und da unser Umfeld Veränderungen ebenso scheut wie wir selbst, reagiert es ablehnend auf unser neues Verhalten. Dies kann bisweilen verdammt unbequem werden…

Das Streben nach Sicherheit

Vermeintliche Sicherheit gibt uns dann, wenn alles so bleibt wie es war. Wir fühlen uns wohl beim Schmoren im eigenen Saft. Wir sehen nur noch das, was wir immer schon gesehen haben. Und wir hören nur noch das, was wir hören wollen. Wie oft passiert es uns dann, dass wir im Gespräch mit unserem Gegenüber bereits abgeschaltet haben und nicht mehr zuhören, weil wir ja eh schon wissen, was kommt? Weil wir nur noch selektiv zuhören? Die Ohren nur dann spitzen, wenn für uns interessante Themen zur Sprache kommen?

Doch die Komfortzone entpuppt sich schnell zum Trojanischen Pferd: Denn wer das nimmt, was er immer schon genommen hat, darf sich nicht wundern, wenn er bekommt, was er immer schon bekommen hat!

Lernen schafft Wachstum

So bringen wir uns um die unglaublich wertvolle Chance zu lernen. Uns für das vermeintlich Uninteressante zu interessieren. Oder scheinbar Uncooles wie den Thermomix einfach mal auszuprobieren. Es sind die kleinen Dinge, die uns weiter bringen im Leben. Gelingt es uns, dem Neuen eine Chance zu geben, können wir persönlich wachsen. Wir erweitern unseren Horizont, entwickeln uns weiter. Und ja, dafür müssen wir auch unsere Ängste besiegen. Angst vor möglichen Reaktionen unseres Umfeldes, Angst vor neuen Technologien oder davor, dass die Zukunft anders wird als die Gegenwart. Das wird sie sowieso – ob wir es wollen oder nicht!

Öffnen wir uns, wird aus der Raupe ein Schmetterling. Und egal, welchen Namen das Kind des Wandels dann trägt, wir sind gewappnet. Es entstehen wie von selbst neue Möglichkeiten: wir begegnen Menschen, die unser Denken inspirieren. Wir erkennen Chancen in technologischen Innovationen oder finden Spaß an einem neuen Hobby. So erweitern wir unsere Persönlichkeit. Und genau hierin liegt für mich der Schlüssel für einen erfolgreichen Umgang mit der digitalen Transformation: In unserer eigenen Einstellung Veränderungen gegenüber.

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