Das Ranking der Boston Consulting Group 2017 bestätigt wieder einmal: Die innovativsten Unternehmen kommen aus den USA. Neben Apple und Google hat Tesla den Sprung unter die ersten zehn geschafft. Dort rangieren auch Toyota und Samsung. Deutsche Unternehmen? Fehlanzeige! Sie belegen vereinzelt Plätze ab Rang 14, BMW und Daimler sind die einzigen Lichtblicke unter den Top 20. Zugrunde liegt der seit 2005 durchgeführten Analyse ein Mix aus Umsatz- und Gewinnwachstum, sowie die Einschätzungen der CEOs.

Seit Beginn des Jahrtausends ist es stets dasselbe Muster. Überspitzt gesagt: Das Silicon Valley erfindet, die Asiaten kopieren fleißig, während man in Deutschland damit beschäftigt ist, zu argumentieren, warum etwas nicht funktionieren kann… Wie kommt das eigentlich? Was zeichnet gute Innovationen aus? Und was muss in Deutschland passieren, um auch künftig ganz vorne mitzuspielen? Oder sogar zum Trendsetter zu werden?

Innovation kommt von Außen

Wir „feiern“ in diesem Jahr 10 Jahre iPhone. Ein gutes Beispiel: Als das Smartphone auf den Markt kam, konnte sich kaum jemand vorstellen, dass Marktführer wie Nokia einmal verschwinden würden. Die Platzhirsche von damals unkten: „3 Geräte (Telefon, Browser & Touchpad) in einem? Dafür gibt es keinen Markt!“ Steve Jobs ließ sich bei der Umsetzung seiner Vision weder von technischen Beschränkungen wie der Leistungsfähigkeit des Mobilfunknetzes noch von den gehässigen Bemerkungen der Konkurrenz ablenken. Er entschloss sich für den disruptiven Weg und bewirkte so einen Paradigmenwechsel innerhalb der gesamten Branche: Mussten die Hersteller sich einstmals nach den Vorgaben der Telekommunikationsunternehmen richten, so gab er jetzt den Ton an. Wir erinnern uns, das erste iPhone gab es nur bei der Telekom.

Wirkliche Innovationen kommen selten aus dem Inneren einer Branche. Der Tunnelblick ist beim Schmoren im eigenen Saft einfach zu stark. So kam es, dass Apple als Computerhersteller die Telekommunikationsbrache neu aufrollte. Revolutionäre Ideen verändern dann oft die Gesetze eines ganzen Marktes. Jeff Bezos war auch kein Buchhändler, sondern Wallstreet-Banker und Visionär, als er Amazon gründete. Die Gründer von Netflix kamen nicht vom Fernsehsender, sondern Reet Hastings diente zuvor im Friedenscorps. Die neuen Player werden aufgrund ihres Außenseiter-Status von den Platzhirschen zunächst nicht ernst genommen. So äußerte sich der deutsche Versandhändler Quelle noch lange: „Amazon? Die verkaufen doch nur Bücher!“ Und schon war der Trend verpasst.

Gut möglich, dass künftig Tesla ein neues Paradigma schafft, bei dem die deutsche Automobilindustrie am Ende in die Röhre guckt. Oder dass ein Startup irgendwo auf der Welt nach dem Vorbild von Uber die Logistik-Branche durcheinander wirbelt.

Vorreiter der Innovationen – Amerika über alles

Allen Krisen zum Trotz: Die US-Wirtschaft bleibt tonangebend. Daran konnten weder das Platzen der dot.com-Blase, noch der 11. September oder die Finanzkrise 2009 etwas ändern. Amerika ist und bleibt ökonomisch die Nummer 1. Warum? Weil es die innovativste Wirtschaft ist. Und Innovationen sind Grundlage für zeitweilige Monopole, die Gelddruckmaschinen gleichen.

Und wie schaffen es die USA, weltweit am innovativsten zu sein? Weil sie die besten Köpfe anziehen. Die High Potentials aus aller Welt gehen in die USA und binnen 2 bis 4 Jahren ist man integriert. Jeder kann Amerikaner werden. Die amerikanische Idee und mit ihr der amerikanische Traum gelten bis heute. Im guten alten Europa hingegen dauert es schon mal 2 bis 3 Generationen, bis Migranten vollständig integriert sind. Von der amerikanischen Kultur könnte sich Europa eine Scheibe abschneiden. Auch wenn abzuwarten bleibt, wie sich dieser Geist unter Donald Trump entwickeln wird.

Europa – Bewahrer des Althergebrachten

Präsentiert man in Deutschland eine neue Idee, sind die Reaktionen oft vorhersehbar: „Das kann nicht funktionieren, weil…“, „Damit ist vor 10 Jahren schon mal jemand gescheitert.“, „Hat das überhaupt schon der TÜV abgenommen?“

Neophobie wird diese Scheu vor Neuerungen auch genannt. Erklären lässt sich das Ganze aus der Evolutionstheorie: Überleben dank Orientierung an Vertrautem. Auch Kleinkindern gibt die Wiederkehr von Ritualen Sicherheit und Geborgenheit. Und ewig grüßt das Murmeltier. Doch was in der Steinzeit oder frühen Kindheit durchaus sinnvoll sein mochte und mag, wird hinsichtlich unserer Zukunftsfähigkeit zum Pferdefuss. Gute Ansätze werden oftmals bereits im Keim erstickt. Doch gerade in der Entwicklungsphase ist Perfektionismus Gift. Pioniergeist verträgt keine Vollkommenheit. Probieren geht über Studieren. Da kommt den Amerikanern der Pragmatismus aus der Goldrausch-Epoche zugute. Einfach los und machen.

Nur Mut – es kann funktionieren

In Deutschland, dem Land der Ingenieure und Maschinenbauer hingegen ist die Furcht vor Fehlschlägen zu groß, weswegen ein Produkt erst perfekt sein muss, bevor es auf den Markt kommt. Oder man wagt sich an die Verwirklichung einer neuen Dienstleistung nicht heran, weil der zu beschreitende Weg noch nicht in allen Einzelheiten klar vor Augen steht.

Ein positives Beispiel hierzulande ist Trivago: Angefangen als Startup machten sich die Gründer mit ihrer Meta-Suchmaschine daran, die Hotel- und Reisebranche weltweit aufzumischen. Letzten Winter ging es an die Börse. Nein, nicht auf dem Frankfurter Parkett, sondern an der NASDAQ. Der geschätzte Wert des Unternehmens liegt bei ca. 5 Milliarden Dollar. Na also, geht doch!

Zu oft setzen Unternehmen allerdings auf die Verbesserung von Bestehendem. Da werden dann so Innovatiönchen wie die Multilenker-Hinterachse im Golf oder das beheizte Lenkrad als letzter Schrei verkauft. Doch der Gilette rasiert mit 5 Klingen auch nicht besser als mit 4 oder 3. Beruhigend zu sehen, dass auch einst innovativen Firmen wie Apple die Luft auszugehen scheint. Die Keynotes in Cupertino verkommen zu Wiederholungen von Ewiggestrigem, wo uns der Stormanschluss als Kopfhörerbuchse allen Ernstes als Innovation verkauft werden soll! Der Produktlebenszyklus lässt grüßen.

Und in solchen Situationen sind Unternehmen gut beraten, wirklich neue Konzepte in der Schublade zu haben, bevor sich der Zyklus erschöpft hat. Denn mit Aufhübschen von bereits Vorhandenem ist unsere Zukunftsfähigkeit nicht zu sichern. Auch Atlantis ist untergegangen…

Traut euch, revolutionär zu denken

Welcher Mindset ist also notwendig, um auch morgen noch mitzuspielen?

Notwendig ist ein Denken, das über den Tellerrand hinaus geht, oder besser noch ein Denken ganz ohne Tellerrand. In einem Land, dessen Volk das höchstversicherte weltweit ist und wo der Biedermeier-Traum des Reihenendhäuschens als Symbol für ein gelungenes Leben steht, sicherlich eine große Herausforderung. Und es ist eine machbare Herausforderung.

Kreativität lässt sich ebenso wenig verordnen wie Motivation. Wir kennen das Dilemma vom eingeforderten Blumenstrauß: Haben wir nie welche mit nach Hause gebracht und sind aufgefordert worden, dann können wir nur verlieren. Entweder wir bringen weiterhin keine mit und sehen uns Klagen ausgesetzt. Oder wir bringen eines Tages Blumen mit nach Hause und müssen uns anhören, dass wir das ja nur täten, weil wir dazu aufgefordert waren…

Was sich nicht verordnen lässt, das können wir ermöglichen. Für alle Unternehmer unter uns heißt dies:

  • Ermöglichen Sie eine freie, offene und vorurteilsfreie Umgebung.
  • Sagen Sie Schubladendenken, Besitzstandwahren und Selbstzufriedenheit den Kampf an.
  • Schaffen Sie Sicherheit, indem auch Fehler gemacht werden dürfen, ohne dass Köpfe rollen.
  • Sorgen Sie für eine Kultur des offenen Feedbacks und der konstruktiven Kritik jenseits aller Hierarchien und Altersstufen.

Diese Punkte sind Grundlage für ein Wachstums-Mindset innerhalb der gesamten Organisation.

Hoffnung machen hier junge Leute, diese erfrischend aufmüpfigen und manchmal nervigen Vertreter der Generation Y, die Althergebrachtes oftmals zu Recht in Frage stellen und neue Lebensmodelle zwischen virtueller Welt und wirklichem Leben entwerfen. Die Feedback und einen offenen Dialog einfordern und uns dann lächelnd zu verstehen geben, dass wir uns nicht beschweren dürfen, schließlich seien sie von uns ja so erzogen worden. Recht haben sie, solange der grundlegende Respekt gewahrt bleibt.

Denn wer aufgehört hat zu lernen, dessen Geschöpfe verdienen nicht, ihren Schöpfer zu überleben!

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