In Zeiten multipler Krisen, einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft, dem politischen Auseinanderdriften in Extreme und einer Welt, die gefühlt immer mehr aus den Fugen gerät, wird Zukunftsoptimismus immer mehr zur Herausforderung. Wie kann es trotz allem gelingen, realistisch und zugleich optimistisch in Richtung Zukunft zu schauen?
Verschiedene Zukünfte
Betrachten wir die Zeit auf einem Zeitstrahl mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, können wir „die Zukunft“ unterschiedlich definieren: Es gibt eine nahe Zukunft, z. B. wie sieht mein morgiger Tag im Büro aus oder was mache ich am Wochenende, eine mittlere Zukunft, z. B. wohin soll’s nächsten Sommer in den Urlaub gehen oder welche Ziele setze ich mir für das kommende Jahr, und eine ferne Zukunft, z. B. wie sieht die Arbeitswelt in 10 Jahren aus? Je näher die Zukunft liegt, desto größer ist unser Einfluss auf sie. In einer höchst unsicheren und volatilen Welt ist es daher sinnvoll, sich zunächst auf die nahe Zukunft zu konzentrieren, um das eigene Gefühl der Selbstwirksamkeit zu stärken.
Das Entscheidungsdilemma
In einem konstruktiven Umgang mit der Zukunft liegt das Dilemma für uns Menschen darin, dass wir in der Gegenwart nicht sicher wissen können, auf welche zukünftigen Rahmenbedingungen unsere Entscheidungen und deren Auswirkungen treffen werden. Gerade in Krisenzeiten kann die Unsicherheit in der Welt unsere Handlungsfähigkeit entscheidend lähmen. Darüber hinaus multiplizieren sich Handlungsoptionen in einer komplexer werdenden Welt, was die Wahl nicht einfacher macht. So entstehen in der Gegenwart unterschiedliche Haltungen im Umgang mit der Zukunft: Der Defätist ist überzeugt, dass sein Einfluss überhaupt nichtig ist und legt die Hände in den Schoß. Der Tiefenentspannte geht’s gechillt an und lässt die Dinge auf sich zukommen, frei nach dem Motto: „Et hätt noch immer jot jejange.“ Der Macher sagt: „geht nicht, gibt’s nicht“, und packt an, um die Zukunft zu gestalten. Dann vermag er auszuflippen, wenn die Dinge nicht nach seinen Vorstellungen laufen. Wie aber können wir zu einem weisen und gelassenen Umgang mit der Zukunft und damit zu einem konstruktiven Zukunfts-Mindset kommen?
Übertriebener Pessimismus oder Optimismus
Zunächst einmal sollten wir sowohl übertriebenen Pessimismus als auch übertriebenen Optimismus vermeiden. Wollen wir einen konstruktiven Umgang mit der Zukunft finden, braucht es im Hier und Jetzt Akzeptanz und die Bereitschaft zum Perspektivwechsel. Dies kann zur Herausforderung werden. Denn unser neurobiologisches System ist bestrebt, unser Überleben zu sichern. Negatives fällt daher schneller ins Gewicht als Positives. Und so kann die Neigung zum Schwarzmalen in Richtung Zukunft unseren Entscheidungsspielraum einengen. Emotionen wie Angst oder Unsicherheit beflügeln dann gerne unseren Hang zum katastrophischen Denken. Dann gilt es, sich erst einmal einen möglichst realistischen Überblick über die Situation zu verschaffen. Blicken Sie daher auch auf das, was da ist, und nicht nur auf das, was fehlt! Damit ist nicht gemeint, sich selbst in die Tasche zu lügen, die Welt rosarot zu malen oder Krisen zu beschönigen. Sondern angesichts der aktuellen Situation – wie bescheiden auch immer die Veränderung sein mag – nach Chancen zu suchen. Akzeptanz der Realität hilft uns dabei. Und so öffnen sich Möglichkeitsfelder und unsere Handlungsspielräume werden größer.
Zu blauäugiger, übertriebener Optimismus ist ebenso Gift für unsere Zukunftsfähigkeit. Er vernebelt einen realistischen Blick genauso wie übertriebener Pessimismus und hindert uns daran, uns auf mögliche, wenn auch sehr seltene Ereignisse vorzubereiten. Und so stehen wir dann vor dem schwarzen Schwan wie der Ochs vorm Berge. Auf kaltem Fuße erwischt, sind wir so überrascht, dass wir gelähmt sind. Während wir uns selbst also zurechtpuzzeln müssen, nutzen andere die Krise und machen etwas daraus. Das lässt sich vermeiden, indem wir im Hier und Jetzt mögliche zukünftige Szenarien gedanklich durchspielen, um uns darauf vorzubereiten. Hierbei ist es hilfreich, auch einmal des Teufels Advokaten zu spielen und sich zu überlegen, was im schlimmsten Falle alles schief gehen könnte. Verharren Sie jedoch nicht in diesem Mindset.
Der Rückschaufehler
Nur realistischer Optimismus kann uns weiterhelfen. Und bei einem vorurteilsfreien Blick auf die Dinge, steht uns der Rückschaufehler im Wege: In der Rückschau sehen die Dinge immer vollkommen logisch aus. Wenn wir uns allerdingst mittendrin befinden, überraschen uns nicht selten die Ereignisse. Dies gilt für historische Entwicklungen wie den Fall der Mauer oder die Coronakrise ebenso wie für eigene Lebensereignisse. Und weil dann in der Rückschau alles so plausibel erscheint, übersetzen wir die Vergangenheit in die Zukunft. Doch es muss nicht immer die klügste aller Ideen sein, es so zu machen, wie wir es immer schon gemacht haben. Oder jedes Jahr an denselben Urlaubsort zu reisen. Die wirklich innovativen Lösungen liegen meist jenseits unseres Erfahrungshorizontes.
Machen Sie sich frei von der Vergangenheit. Blicken Sie realistisch auf Ihr Leben und seien Sie dankbar für das, was da ist. Suchen Sie ehrlichen Herzens nach Chancen. Wagen Sie Neues. Fangen Sie mit der nahen Zukunft an, dort sind die Gestaltungsmöglichkeiten am größten. Fokussieren Sie sich auf das, was Sie aktiv beeinflussen können. Und akzeptieren Sie mit heiterer Gelassenheit das Unabänderliche. Ich wünsche Ihnen einen realistisch-optimistischen Start ins neue Jahr!